Mittwoch, 28. Dezember 2011

Warum soll man die Sonne beobachten?

Diese auf den ersten Blick ungewöhnliche Frage trat mir neulich entgegen und spontan wollte ich dem entgegen halten: „Ja, warum denn nicht?“ Die Frage scheint indes nicht ganz unberechtigt zu sein, denn viele Stern- und Sonnenfreunde begnügen sich damit, Fotos von Flecken, Protuberanzen und Filamenten aufzunehmen und es dabei zu belassen. Die Zahl der bekannten Fleckenzähler ist, wie anhand der Auswertungen der VdS-Fachgruppe Sonne bis Ende 2009 ersichtlich, rückläufig. Schuld daran ist sicher auch das lange Minimum, in dem man wochenlang nur eine Relativzahl von Re=0 eintragen konnte. Das machte die Sonne als Zielobjekt für amateurastronomische Interessen uninteressant und man wird schon als Hardcore-Beobachter gehandelt, wenn man in dieser Phase nicht aus der regelmäßigen Beobachtung ausgestiegen ist.

Andererseits sind viele Phänomene der Sonnenaktivität nur durch langfristige Statistiken begreifbar. Ohne eine Vielzahl von Sonnenbeobachtungen wäre es beispielsweise Heinrich Samuel Schwabe (1789-1875) in Dessau nicht möglich gewesen, das zyklische Verhalten der Sonnenaktivität herauszufinden. Als Gegenbeispiel mag das Maunder-Minimum zwischen 1645 und 1715 herhalten. In dieser Zeit war die Sonnenaktivität, ähnlich wie in den letzten Jahren, sehr niedrig. Ob es in dieser Phase nicht vielleicht doch mal die eine oder andere größere Fleckengruppe gegeben hat, ist heute nicht mehr nachvollziehbar, weil die Beobachtungsdaten fehlen. Der Behauptung, diese seien durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges zwischen 1618 und 1648 und deren Nachwirkungen verloren gegangen, kann entgegen gehalten werden, dass schon ein paar Jahre danach in manchen europäischen Regionen eine wirtschaftliche Erholung eintrat, aber die Zahl der Beobachtungsdaten trotzdem nicht zunahm. Eher war es wohl so, dass man bis zu Entdeckung der Schwabes im Jahre 1843 glaubte, dass es bei der Sonne keinen weiteren Erkenntnisgewinn geben könne. Weit gefehlt.

Rudolf Wolf (1816-1893), der Begründer der Eidgenössischen Sternwarte in Zürich, entdeckte fast parallel zu Schwabe im Jahr 1852 die Fleckenzyklen und hatte schon drei Jahre vorher, 1849, die nach ihm benannte Fleckenrelativzahl entwickelt, um ein zuverlässiges Mittel zur Bestimmung der täglichen Sonnenaktivität als Arbeitsmittel in der Hand zu haben. Die Formel Re = 10xg+f wird auch heute noch weltweit genutzt, wobei der Faktor 10 dazu dient, auch die Aktivität der erdabgewandten Sonnenseite zumindest teilweise mit zu erfassen.

Doch in letzter Zeit gerät die Bestimmung der täglichen Sonnenfleckenrelativzahl als klassische Aufgabe für Sternfreunde und Amateurastronomen immer mehr in den Hintergrund. Warum das so ist, ist unklar. Vielleicht war es wirklich die lange Phase der Inaktivität der Sonne im Minimum, vielleicht ist es das systematische Arbeiten, das heute anscheinend nicht mehr so gefragt ist, oder ist es der Irrglaube, man braucht nicht mehr Flecken zu zählen, weil es eine ständige Überwachung der Sonne durch Raumsonden gibt? Ich weiß es nicht.

Dennoch ist Beobachtungmaterial wichtig und nötig, um beispielsweise auch das lange Minimum und die jetzt nur stockend ansteigende Sonnenaktivität zu erklären. Denn wie soll man wissen, wie sich die Sonne entwickelt und warum sie sich so entwickelt, wie sie sich entwickelt, wenn keiner hinschaut???

Kommentare:

  1. Hallo Manfred,
    ich kann Dir nur zustimmen. Das muss gar nicht einmal immer die große Wissenschaft sein. Ich bedauere es sehr, dass ich meine regelmäßigen Sonnenfleckenzählungen aus meiner Jugendzeit (ca. 1966 bis 1974) irgendwann verloren habe, wie gerne würde ich die jetzt bei der einen oder anderen Gelegenheit mal zum Vergleich heranziehen. Auch hatte ich damals schon Polarlichter gesehen. Doch wann war das noch? irgendwann verschwimmen bei jedem die Erinnerungen, gerade jetzt wären diese Beobachtungsaufzeichnungen für mich goldwert.

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  2. Hallo Wolfgang,
    leider war ich in der Vergangenheit auch immer nicht sehr konsequent in der Archivierung meiner Daten, habe sie teilweise in Programme eingegeben, die heute nicht mehr lesbar sind, etc. Zum Glück übersende ich aber, bis zum heutigen Tage, alle Beobachtungen an die Fachgruppe Sonne der VdS, damit sie einerseits in die Auswertungen mit einfließen und andererseits nicht umsonst waren. Verloren gegangene Beobachtungen sind ärgerlich, weil für alle Zeiten unwiderbringlich verloren. Auch nur für sich selbst beobachten und die Daten nicht einreichen, ist kontrproduktiv, aber durchaus ein Thema für einen weiten Blogbeitrag ...

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