Freitag, 3. Juni 2016

Oh Schreck, die Flecken sind weg – da kann ich nicht mehr Scharfstellen

Sonnenfotografen und -beobachter kennen dieses Schreckensszenario zur Genüge, wenn im (beginnenden) Minimum keine Flecken mehr auf der Sonne vorhanden sind. Einige stellen dann einfach ihr Teleskop in die Ecke und beachten es nicht mehr, bis wieder Flecken da sind. Andere mühen sich ab, auch das kleinste Fitzelchen zu erkennen und melden dann als einzige einen Fleck, den alle anderen nicht gesehen haben. Oder sie melden keinen Fleck, weil sie den Kleinen übersehen haben. Was also tun? Hier sollen ein paar wesentliche Überlebenstipps für diese unbeliebte Phase im Sonnenzyklus gegeben werden.

Zunächst einmal sind in der Zeit vor dem Minimum völlige Aktivitätseinbrüche bis hinab zu einer fleckenfreien Sonne – wie am heutigen 3. Juni 2016 – etwas völlig Normales. Die Aktivität wird in den kommenden Tagen wieder ansteigen und irgendwann erneut abfallen. Langfristig geht der Trend aber dahin, dass wir bis in die Zeit nach dem Minimum mehr oder weniger Tage ohne Sonnenflecken haben werden. Das hängt entscheidend von zwei Faktoren ab: der Tiefe des kommenden Minimums und der nicht vorhersehbaren Aktivität im nächsten Maximum. Man erinnert sich noch der Prognosen für den 24. Zyklus, der deutlich höher ausfallen sollte, als der 23. Dann kam das lange und tiefe Minimum um 2007/2008 herum und der 24. Zyklus wurde zum niedrigsten Zyklus seit gut 100 Jahren. Allgemein kann man sagen, je höher das nächste Maximum ausfällt, desto schneller wird das Minimum durchlaufen. Allerdings – und das ist die Crux an der Geschichte – überrascht uns die Sonne immer wieder mit Abweichungen von diesem Schema. Dass man nie weiß, was die Sonne als nächstes tut, ist nicht nur eine Binsenweisheit, sondern bittere Realität. Deshalb sind auch bestenfalls Trends, aber keine echten Vorhersagen möglich und schon gar nicht über die Aktivität kommender Tage und Wochen.

Haben wir aber nun einen Tag ohne Sonnenflecken, braucht man nicht in Panik verfallen, denn es gilt die Devise, gerade jetzt noch genauer hinzuschauen und noch genauer neuralgische Punkte abzusuchen. Als einer davon gilt der Sonnenrand, wo wir aufgrund der Randverdunkelung und des höheren Kontrastes dort eher kleine Flecken sehen können, die sich beispielsweise in Fackelfeldern verstecken. Daher gilt, diese möglichst genau abzusuchen.

Das Scharfstellen ist bei einer fleckenlosen Sonne das große Problem, denn worauf soll man den Fokus lenken? Bei schlechtem Seeing kann man nicht den Sonnenrand benutzen, weil man dann ständig den Luftbedingungen hinterher fokussiert. Das betrifft Beobachter wie Fotografen gleichermaßen. Als ein Hilfsmittel kann man die helleren Fackeln am Sonnenrand verwenden, um den richtigen Fokus zu finden. Bei Fernrohren mit sehr großen theoretischem Auflösungsvermögen geht das auch bei granularen Strukturen. Ist aber schwierig und geht nur bei Teleskopen, die in der Theorie weniger als 2 bis 3 Bogensekunden auflösen. 

Das aber ist in Mitteleuropa faktisch unmöglich, da die Auflösung aufgrund des Seeings bis zu 10 und mehr Bogensekunden verschmieren kann, d.h. man sieht hier in der Regel weniger, als das Teleskop eigentlich unter Idealbedingungen zeigen sollte. Das ist natürlich nur ein Schätzwert und abhängig vom Standort – und vom Wetter. In Norddeutschland mit seiner stets durch Nord- und Ostsee dominierten feuchten Luft wird das perfekte Seeing tagsüber pro Jahr vielleicht nur an ein bis zwei Tagen erreicht, wenn überhaupt. Das ist in anderen Regionen unseres Landes vollkommen anders. Da kann es noch schlimmer, aber auch sehr viel besser sein. Einen Unterscheid macht es auch, ob man aus der hitzeflirrenden Stadt heraus oder auf dem Land, auf Meereshöhe oder im Gebirge beobachtet.

Es bleibt also nur ein ständiges Herumspielen mit dem Fokus unter Beachtung des Sonnenrandes. Ist der aber in heftiger Bewegung, so ab Stufe 3 nach der Kiepenheuer-Skala, hat man verloren und es ist Glückssache, ob man einen winzigen A-Fleck auf der Oberfläche findet oder nicht. Das ist nämlich auch vom Kontrast des Flecks gegenüber der normalen Oberfläche abhängig. Ist der sehr gering und man hat ein Blubberseeing, wo der Fleck mal zu sehen ist und mal nicht, entscheidet abermals das Glück und Wohl und Wehe beim Erkennen des Flecks.

Hier hilft nur mehrmaliges Hin- und wieder Wegsehen. Erst wenn man mehrmals den Fleck gefunden hat, dann das Auge vom Okular genommen und dann nach dem erneuten Absuchen der Sonnenoberfläche den Fleck immer wieder an der gleichen Stelle findet, kann man sicher sein, dass er real und keine Einbildung ist. Wenn man sich nicht sicher ist, ob der Fleck vielleicht auch Dreck im Okular ist, einfach dieses im Okularauszug drehen. Wandert der Fleck mit, ist es keiner, der sich auf der Sonne befindet. Natürlich kann man es auch einfacher haben und sich das aktuelle Satellitenbild anschauen, das beeinflusst zwar die Beobachtung, kann aber zum Erfolg führen. Allerdings würde man den Fleck wohl nicht sehen, wenn man das Satellitenbild nicht kennt. Da stellt sich dann die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Beobachtung. Wenn man es schon so macht, sollte man den Fleck aber nur dann als solchen zählen, wenn man ihn auch real gefunden hat und nicht nach dem Motto »Er ist da und deshalb zähle ich ihn mit«. Eher gilt: Wenn man sich nicht sicher ist, wird das, was man gesehen hat, nicht als Fleck gewertet!

Was man aber auf gar keinen Fall machen sollte ist, das Teleskop einmotten und erst wieder beobachten, »wenn was los ist auf der Sonne«. Denn wenn keiner hinschaut, wie soll man dann das Minimum exakt bestimmen? Ohne Datenmaterial ist das schlicht unmöglich. Auch wenn man als »Hardcore-Beobachter« gilt, weil man über Wochen und Monate hinweg eine fleckenlose Sonne anstarrt, die Phase des Minimums gehört zu jedem Sonnenfleckenzyklus dazu und es wäre doch schade, wenn man die ersten Flecken im neuen Zyklus verpasst, weil man nicht beobachtet hat. Drum: Jede Beobachtung - gerade bei schwacher Aktivität - ist wichtig und jede Beobachtung zählt!

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